Bestattung im Wandel

Unter diesem Titel habe ich im Herbst 2004 ein Seminar in Salzburg besucht. Es hat sich so viel in den letzten Jahren geändert, diese Änderungen haben auch vor dem Tod nicht Halt gemacht. Natürlich sterben die Menschen noch so wie vor 30 Jahren, aber der Umgang der Hinterbliebenen mit den Toten hat sich doch entscheidend geändert.
Die Erinnerung an die Toten ist beweglicher und beliebiger geworden. Zur Erklärung: Früher war der Ablauf der Totenfeier klar. Da gab es immer wiederkehrende Rituale. Man trug auch Trauerkleidung, die sich vom öffentlichen Gewand absetzte, es gab eine Trauerzeit, die von jedem respektiert wurde. Das Grab wurde gestaltet und gepflegt, wenn man es nicht schon dem Verstorbenen wegen tat, so doch deshalb, weil die Sozialkontrolle da war (Was sagt mein Nachbar dazu, wenn ich ...). Heute ist alles individueller und teilweise leider auch beliebiger geworden. Die Menschen haben schon vor einiger Zeit begonnen, die gesetzlichen Normierungen zu hinterfragen. Sie wollen sich nicht mehr in ein allgemeines Schema hineinpressen lassen.
Was ist die Folge? In Zukunft wird es immer weniger Regelungen geben, der Friedhof wird an Bedeutung verlieren, alternativen Bestattungsplätzen gehört die Zukunft (ich hoffe aber für uns in Österreich, dass diese Szenarien nicht so schnell auf uns überschwappen). Beispiele gefällig? In Deutschland gibt es sogenannte Friedwälder, wo die Asche des Verstorbenen an die Wurzel eines Baumes gestreut wird und so wieder dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen anheimfällt. Für die Hinterbliebenen gibt es dann keinen bestimmten Ort der Betrauerung mehr wie es auch bei einer Seebestattung der Fall ist, wo die Asche in einer Urne ins Meer versenkt wird.
Frage: Wird es für uns in Zukunft noch wichtig sein, dass wir uns gemeinschaftlich erinnern oder hat dann jeder seine eigene Erinnerungsgruft? Ein weiteres Szenario: Der ÖAMTC hat für seine verunglückten Mitglieder einen eigenen Friedhof, der Fußballclub Ajax Amsterdam hat heute schon einen eigenen Fanfriedhof! Wird alles individueller, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Menschen, auch wenn sie noch so abstrus sind?
Ich bin froh, dass wir hier in Tirol noch eine gute Reglementierung des Bestattungswesens haben. Erd- und Feuerbestattung sind die 2 Formen, die einen „Sitz im Leben" haben. Ich halte nichts von Anonymbestattungen oder anderen alternativen Formen, denn Menschen brauchen Orte, wo sie ihre Trauer ausdrücken können, sie durchstehen können.
Das heißt aber nicht, dass wir nicht in unseren Riten ein wenig mehr „Leben und Inhalt" hineinpacken können.
Und da möchte ich ein paar Anregungen geben, wie wir in St. Pius X. Trauerfeier und Abschied mehr Platz geben können:
Trauer braucht Gemeinde! Es ist gut, wenn Hinterbliebene spüren, dass sie in ihrer Not nicht alleingelassen sind, dass es Menschen in ihrer Umgebung gibt, die mit ihnen diesen schweren Weg gehen. Ich bitte euch, dass ihr diese Gemeinschaft ein fach mehr pflegt, am Land ist dies viel selbstverständlicher, da geht oft das halbe Dorf mit. Dies wiederum hilft den Hinterbliebenen ungemein.
Texte sollen so verwendet werden, dass sie ansprechen. Das ist eine Anfrage an alle Seelsorger, sich gewissenhaft vorzubereiten, den Toten, aber auch die Hinterbliebenen im Blickpunkt zu haben. Eine persönliche Ansprache tut den Angehörigen ungemein gut.
Es ist für mich ein schönes Zeichen, wenn der Sarg in der Kirche aufgebahrt wird. Das geht, man muss es nur mit der Bestattung absprechen. Ausreden von Seiten gewisser Bestatter, dass alles so ungeheuer kompliziert wird, lasse ich nicht gelten und dass alles dann so viel teurer würde, empfinde ich gelinde gesagt, als eine Schweinerei. Aber - nicht alle Bestatter sind gleich - bei einigen geht das ganz unkompliziert (Namen sind bei mir zu erfragen!). Natürlich habe ich auch gewisse Bedenken, wenn man Verstorbene in die Kirche bringt, die wohl röm. katholisch waren, aber denen die Kirche, sowohl als Gebäude als auch als Gemeinde, im Leben ganz wenig bis gar nichts bedeutet hat. Da ist auch Fingerspitzengefühl von den Angehörigen gefragt, was in welcher Situation wohl am besten sei. Wenn der Sarg in der Kirche nicht möglich ist, so soll wenigstens ein Bild des Verstorbenen bei der Osterkerze aufgestellt werden. Bei einer Verabschiedung (also wenn der Sarg ins Krematorium kommt) kann die Verbindung Messfeier und Sarg in der Kirche ganz gut bewerkstelligt werden. Nach dem Gottesdienst wird der Sarg auf den Kirchplatz gebracht, wo er ins Leichenauto gegeben und direkt ins Krematorium gebracht wird. Wir haben das in St. Pius X. schon ein paar Mal gemacht und ich lade alle ein, gegebenenfalls dies mit mir und der Bestattung anzusprechen.
Ich finde es für das Trauerempfinden nicht gut und auch nicht heilsam, wenn es oft auf den Partezetteln heißt: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitte Abstand nehmen!"
Es ist für Bekannte und Verwandte oft die einzige Möglichkeit, den Hinterbliebenen direkt die Kondolenz zu erweisen. Trauer hat immer mit Schmerz zu tun, das nicht wahrhaben zu wollen, ist ein Trugschluss. Und so komme ich zum letzten Punkt, für mich ein ganz wichtiger:
Ich finde es schade und nicht zielführend, wenn man glaubt, Angehörigen den Schmerz zu erleichtern, wenn man den Sarg am Grab stehen lässt und nicht während der Feier absenkt. Durch das Absenken wird noch einmal ganz sichtbar, dass es hier auf Erden einfach diese endgültige Trennung gibt, das dürfen wir den Angehörigen zumuten. Es darf geweint werden und seinen Gefühlen Ausdruck verliehen werden, alles hat seinen Platz. Aber wenn wir den Sarg stehen lassen, ist alles nicht abgeschlossen. Die Aussage einer Ministrantin in einer anderen Pfarre hat mir eindrucksvoll gezeigt, welches Missverständnis auch aufkommen kann : „Wird der Sarg dann, wenn alle weg sind, wieder abgeholt?" In Wien, wo es im Jahr 20.000 Begräbnisse gibt, ist das Absenken in Anwesenheit der Angehörigen nach Angaben des Friedhofleiters kein Problem, bei uns soll man es den Hinterbliebenen nicht zumuten können? Warum wohl?
Bei dem angesprochenen Seminar kam auch das Thema: „Umgang mit Trauernden in der Gemeinde" zur Sprache. Dies ist mir sehr wichtig und so möchte ich ein paar Punkte herausgreifen:
Was wir tun sollten (im Umgang mit Trauernden):
1. Gehen Sie trotz innerer Widerstände auf Angehörige zu und suchen Sie ehrliche Begegnung.
2. Sagen Sie ihnen, dass Ihnen das, was geschehen ist und der Schmerz, den sie (die Angehörigen) jetzt erleiden, leid tun.
3. Erlauben Sie ihnen, soviel Trauer auszudrücken, wie sie jetzt gerade empfinden und mit Ihnen teilen möchten.
4. Erlauben Sie ihnen, über ihren Verstorbenen, so viel und so oft zu sprechen wie sie möchten.
5. Sprechen Sie mit ihnen über die besonderen Qualitäten des Verstorbenen. Vergessen Sie nicht, dass ca. 70% der Trauernden Schuldgefühle haben, weil dies oder jenes nicht mehr getan werden konnte oder man im Streit lag. Nehmen Sie diese Gefühle ernst.
6. Versuchen Sie in einer sensiblen Weise zeugnishaft christliche Hoffnungsbilder anzubieten, aber nur dann, wenn Sie selber daran glauben.
Was wir nicht tun sollten:
1. Halten Sie sich mit Deutungen wie „Es war Gottes Wille" oder „Es war Schicksal" zurück!
2. Sagen Sie nie, Sie wüssten, was die Trauernden empfinden, außer Sie haben ähnliches durchgemacht.
3. Sagen Sie nicht: „Geht es dir immer noch nicht besser?" oder Ähnliches das die Gefühle der Trauernden beurteilt.
4. Wechseln Sie nicht das Gesprächsthema, wenn das Gespräch auf den Verstorbenen kommt.
5. Vermeiden Sie es nicht, den Namen des Verstorbenen zu erwähnen, aus Angst, Sie könnten sie damit an ihren Schmerz erinnern (sie haben ihn ohnedies nicht vergessen!)
6. Versuchen Sie nicht, irgend etwas Positives am Tod des Verstorbenen zu finden (Er war ja eh todkrank, oder jetzt wächst die Familie noch näher zusammen ...).
Das sind ein paar Anregungen im Umgang mit Trauernden, aber das Beste ist allemal, Ihnen natürlich und ehrlich gegenüber zu treten. Heuchelei wird sofort entlarvt und schmerzt umso mehr.
Und noch etwas, was mich beschäftigt. Es kommt leider immer öfter vor, dass Angehörige ein Begräbnis mit Messe bei der Bestattung bestellen, es sich aber nach Rücksprache mit der Pfarre herausstellt, dass der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten war. Die Angehörigen fühlen sich sehr oft vor den Kopf gestoßen und zürnen dann der „bösen Kirche". Deshalb meine Bitte: Informieren Sie bitte Ihre Angehörigen ehrlich, wenn Sie aus der Kirche ausgetreten sind. Aus Datenschutzgründen kann ich als Pfarrer die Angehörigen über einen derartigen Schritt nicht informieren. Machen Sie das selber, haben Sie den Mut dazu.
Alles ist im Werden und Vergehen und so werden auch Formen, die heute noch wichtig sind, in ein paar Jahren eine ganz andere Bedeutung haben. Dessen bin ich mir bewusst. Aber alles soll darin münden, dass wir gewiss sein können, wenn wir einmal hinüber gehen müssen in die andere Welt, dass uns eine bergende Hand erwarten wird, die uns führt und in die wir uns fallen lassen dürfen. Ich nenne das Gott und vertraue darauf, dass alles gut sein wird.

Pfarrer Josef Scheiring

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